
Sergej Iwanowitsch Tanejew (13. (25.)11.1856 Vladimir – 6.(19.)6.1915 Moskau) studierte am Moskauer Konservatorium unter anderem bei N.Rubinstein und Tschaikowky. Mit letzterem verband ihn eine intensive Freundschaft; Tschaikowsky zeigte seine eigenen Werke vor Drucklegung seinem ehemaligen Schüler Taneev zur Beurteilung. 1875 schloss Tanejew mit einer Goldmedaille (die zum ersten Mal vergeben wurde) sowohl in Komposition als auch im Fach Klavier sein Studium ab. Sein Debüt als Solist erfolgte mit dem ersten Klavierkonzert von Brahms; Konzertreisen folgten. Ab 1878 unterrichtete er am Moskauer Konservatorium und trat auch erstmals als Komponist in Erscheinung. 1885 wurde er zum Direktor des Konservatoriums ernannt., das er 1889 wieder aufgab, um sich seinem Schaffen besser widmen zu können. Persönliche Konflikte mit Safanov, dem Direktor des Konservatoriums, veranlassten ihn, das Moskauer Konservatorium vollständig zu verlassen und als freischaffender Künstler und Lehrer sich zu betätigen. Konzertreisen führten ihn nach Berlin, Wien und Salzburg, wo er die Gelegenheit nutzte, die Mozarthandschriften zu studieren. Zu seinen Schülern zählen u.a. Glier, Metner und Rachmaninow.
Tanejew war schon in den 1870iger Jahren (nach einem Parisaufenthalt) der Meinung, dass die westliche Musik im Verfall begriffen sei. Folglich lehnte er deren zeitgenössische Erscheinungen als Anknüpfungspunkt für eine russische Nationalmusik ab. Die russische Musik müsse sich, ähnlich wie die westliche, nur in kürzer Zeit, von kontrapunktischen Bearbeitungen von Volks- und Kirchenliedern über die Fuge hin zu abstakten instrumentalen Formen entfalten. Die Umsetzung dieser Absicht führte zum Studium alter Meister, die Tanejew als zeitlos bedeutungsvoll erachtete: Josquin, Palestrina, Händel, Bach, Gluck, Mozart und Beethoven. Das Ergebnis dieser Studien war eine vollkommene Beherrschung kompositorischer Techniken, die sowohl national als auch international ihres gleichen suchte. Seine Musikauffassung, aber auch seine Kompositionen, brachten ihm die Bezeichnung “russischer Brahms“ ein. Dabei lehnte Tanejew paradoxerweise, wahrscheinlich beeinflusst durch seinen Lehrer Tschaikowsky, die Musik Brahms’ grundsätzlich ab. Neben Einflüssen seines Lehrers Tschaikowsky sind auch die Mozarts in Tanejews Werken unüberhörbar.
Tanejews große Selbstkritik führte dazu, dass er nur 34 seiner Werke zur Veröffentlichung frei gab. Mittlerweile wurden aber die meisten seiner Kompositionen gedruckt. Der Schwerpunkt des Tanejewschen Schaffens liegt in der Kammermusik, was für einen russischen Komponisten seiner Zeit eher ungewöhnlich ist. Er schuf außergewöhnliche Trios, Quartette und Quintette für Streicher mit und ohne Klavier, die im vorrevolutionären Russland, der Natur der Gattung Kammermusik entsprechend, die meistens nicht auf ein breites Publikum abzielt, hauptsächlich von einer Elite rezipiert wurden.
Nicht nur in der Kunst, sondern auch im alltäglichen Leben, zeigte sich Taneevs Charakterzug zu Konservatismus und moralischer Strenge. Er nahm für private Unterrichtsstunden generell kein Geld, und wohnte bis zu letzt in einem Haus ohne Strom, fließendem Wasser und Telefon.
(erhältlich bei jpc; dort auch Hörbeispiele verfügbar)