
Welches respektvolle Verhältnis Rudorff zu Brahms hatte zeigt folgender Briefwechsel, der anlässlich der Fantasie op. 14 stattfand:
Rudorff an Brahms, 2.1.1869:
Brahms’ Antwort:„Vereehrter Herr Brahms! Sie haben mich im Sommer mehrfach freundschaftlich aufgefordert, Ihnen etwas von meinen Sachen zu zeigen, und ich konnte nicht recht damit zum Entschluß kommen; hätten sie das für Eigensinn [...] gehalten, so wären Sie jedenfalls auf der falschesten Fährte gewesen. Nun schicke ich Ihnen heute ein Klavierstück, das ich vor kurzem gemacht, und frage zugleich an, ob ich es Ihnen zueignen darf, [...] Sollten Sie soweit damit einverstanden sein, [...] so wäre mir das die größte Freude, die mir künstlerisch widerfahren könnte, und zwar möchte ich, daß Sie diese Worte nicht als eine Redensart auffaßten, sondern im buchstäblichsten Sinne verständen, wie sie gemeint sind.
Der Kopist hat es an [...] vielen Fehlern nicht fehlen lassen, die ich wahrscheinlich nicht alle herrauskorrigiert habe. Das werden Sie freundlich entschuldigen. „
Rudorff 28.1.1869:„Unter allen Umständen scheint mir nun die Widmung eines Werkes das ehrenvollste und freundlichste Geschenk, das gegeben und empfangen werden kann. Da jeder hier nach seinem Maß und ein anständiger Mensch immer sein Bestes gibt., so kann wohl von einer Würdigung nicht keine Rede sein. Ich sage das wohl, damit ich grade bei dieser Gelegenheit Ihrem Werk nicht durch Lob zu schmeicheln und zu danken brauche.
Meine Bitte um Mitteilung Ihrer Musik hatte jedenfalls einen so guten Grund und Willen als Ihre Sparsamkeit hierin.
Um nun besagtem Lob über so viel Inniges und Ausdrucksvolles in Ihrem neuen Werk noch einmal auszuweichen, will ich ein Bedenken mitteilen, das mir [...] schon sonst bei ihren Sachen gekommen ist. Denn leider kenne ich diese nur, soweit es die Liberalität der ausleihenden Musikhändler es erlaubt. Mir scheint, Sie behandeln den Rhythmus etwas rücksichtslos und sorglos. Ich muß bekennen, daß ich dem Versuch nicht widerstehen kann, gleich das erste Stück Ihrer neuen Phatasie – ohne seinen sanft träumerischen Charakter zu vergessen – in etwas regelmäßiger Taktzahl zu bringe; z.E. wird es mir schwer, den ersten Takt einer Melodie gelegentlich als zweiten gelten zu lassen.
Doch weiß ich nicht genug, wieweit die Ihre sonstigen Sachen angeht. Diesmal erlaubt ja der Titel „Phantasie“ alles mögliche, und fügen Sie diesem meinem Namen hinzu, so machen Sie mir die größte Freude.“
Sie sollen doch bals wissen, wie sehr Sie mich durch Ihre freundlichen Zeilen erfreut haben, wie dankbar ich Ihen für alles bin, was Sie sagen, Gutes und Tadelndes; denn in beidem erkenne ich Ihre wohlmeinende Gesinnung. Wollen Sie so gut sein und mir mein Stück hierher schicken, so sparen Sie mir freilich eine erneute Kopie; wann es weiter zum Verleger wandert, weiß ich noch nicht, ich will aber versuchen, bald damit zustande zu kommen.“